Online-Redaktionen und kooperative Technologien

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Studie `KoopTech´, Kapitel 6.5 von Christiane Schulzki-Haddouti; Komplett-Studie als Download in p3wiki


Inhaltsverzeichnis

Szenario Online-Redaktion - Rahmenbedignungen

Das folgende Szenario ist ideal für eine Online-Redaktion von zwischen 5 und 30 Mitarbeitern, die mit bis zu 100 Korrespondenten und freien Autoren, aber auch Bloggern und so genannten Bürgerjournalisten täglich zusammenarbeiten.


Implementierung

Die Einführung sollte schrittweise vorgenommen werden. Redaktionsmitglieder, die bislang mit kooperativen Diensten experimentiert haben, sollten Vorbildfunktion übernehmen und von der Redaktionsleitung ausdrücklich unterstützt werden. Entscheidungen, die den gemeinsamen Einsatz dieser Dienste betreffen, sollten zuvor in der Gruppe diskutiert werden, so dass sie möglichst von allen getragen werden. Der Einsatz mehrerer Werkzeuge ist möglich, doch es sollen möglichst wenige Re¬dundanzen auftreten. Wir gehen davon aus, dass hauptsächlich frei verfügbare Soft¬ware eingesetzt wird, die mit einem mittleren Aufwand an die redaktionellen Bedürf¬nisse angepasst werden kann.

Das Szenario versucht folgende Fragen zu beantworten:

  • Wie kann die Kommunikation von Redakteuren, Reportern, Korrespondenten und freien Mitarbeitern effizienter gestaltet werden?
  • Wie können kooperative Technologien redaktionelle Informationsflüsse nicht nur beschleunigen, sondern auch effizient bündeln und vernetzen?
  • Wie kann die Zusammenarbeit in der Redaktion mit Hilfe kooperativer Technologien effizienter gestaltet werden?
  • Wie können für Arbeitsabläufe notwendige Informationen leichter verfügbar gemacht werden? Wie kann die hierfür notwendige Koordination verbessert werden? Wie können Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse vereinfacht werden?
  • Wie können Feedback-Prozesse im Sinne eines Qualitäts- und Innovationsmanagements gestaltet werden?


Kommunikation und Koordination

Alle Redaktionsmitglieder nutzen ein Instant-Messaging-Programm, das über den Tag auf einen Blick zeigt, welche Kollegen bereits online und ansprechbar sind. Die Kommunikation, die sich hierüber nicht direkt erledigen lässt, läuft entweder über Telefon oder eMail. Die Redaktion verfügt über einen eigenen Mailserver, weil E-Mail zu den zentralen Kommunikationsinstrumenten zählt. E-Mails werden nicht nur einfach von Person zu Person verschickt, sondern müssen darüber hinaus zahlreiche gruppenbezogene und sicherheitsrelevante Voraussetzungen und Aufgaben erfüllen:

  • Integriert in das E-Mail-Programm ist ein Open-Source-Kryptografieprogramm, das bedarfsweise eine verschlüsselte Kommunikation mit Mitarbeitern und Infor¬manten ermöglicht. Der dazu gehörende öffentliche Schlüssel ist über das Impres¬sum des redaktionellen Online-Angebots verfügbar.
  • Das eingesetzte E-Mail-Programm verfügt außerdem über gemeinsam genutzte Kalenderfunktionen mit einer offenen Schnittstelle wie dem iCal-Format. Grund¬sätzlich sollte eine Redaktion elektronische Kalender verwenden, die sowohl eine private, eine gruppenbezogene als auch eine öffentliche Terminverwaltung zu¬lassen. Neben privaten Angelegenheiten sollten beispielsweise auch Termine mit Informanten nicht mit anderen geteilt werden. Für Teambesprechungen bzw. Projekte bieten sich hingegen gruppenbezogene Termineinträge an. Für die Öffentlichkeit könnte die Redaktion beispielsweise dokumentieren, welche Events sie journalistisch abdecken möchte. Wichtig für die Gruppenkommunikation ist darüber hinaus, dass Terminänderungen automatisch per E-Mail zustellbar sein sollten.
  • Ein elektronischer Kalender sollte auch die Abstimmung über gemeinsame Termine für Meetings unterstützen. Möglich ist das etwa mit dem Kalender des weit verbreiteten E-Mail-Programms Outlook, wenn es durch einen Microsoft-Exchange-Server unterstützt wird. Dann hat jeder Zugriff auf jeden Kalender. Auch die Organisation von Meetings klappt über Outlook. In der Praxis übernehmen dies oftmals noch die Sekretariate. Aufwändig können die damit verbundenen Abstimmungsprozesse sein. Dafür gibt es bereits webbasierte Abstimmungstools wie Doodle, die eine damit verbundene Flut von E-Mails ("Kann an dem Termin nicht, wie wäre es mit einem anderen?", "Das passt mir aber nicht ... ") vermeiden helfen.
  • Das mit der Terminverwaltung verbundene Aufgabenmanagement ist wichtig ¬sowohl für Routinetätigkeiten, als auch für Projekte. To-Do-Listen können ebenfalls bereits über E-Mail-Programme organisiert werden. Aber auch hier gibt es wiederum auf das Aufgabenmanagement spezialisierte webbasierte Dienste sowie Projektmanagement-Plattformen, die Kalender-, Meeting- und Aufgabenfunktionen beinhalten. Um die E-Mail als zuverlässiges Instrument nutzen zu können, ist für den E-Mail¬Server die Installation einer Firewall sowie eines laufend aktualisierten Programms gegen Spam und Schadsoftware für jeden einzelnen Arbeitsplatz erforderlich.
  • Wichtig ist, dass die Programme auch über mobile Geräte genutzt werden können. Die Synchronisierung der Daten sollte per Handy oder PDA möglich sein.

In mehrfach täglichen bzw. wöchentlichen Redaktionskonferenzen werden die Nachrichten des Tages sowie längerfristig vorzubereitende Themen besprochen. Die Themen- und Ressourcenplanung ist in neueren CMS-Systemen bereits integriert. Aus Gründen einer flexiblen Weiterentwicklung des Systems sowie angesichts der hohen Medienkompetenz in der Online-Redaktion ist hierfür jedoch die Verwendung geeigneter freier Open-Source-Tools wie etwa Wikis zu empfehlen, die in der Regel mächtiger sind als die CMS-Funktionen und zudem kontinuierlich weiterentwickelt werden. Ein in der Redaktion einzusetzendes Wiki kann nicht nur Texte, sondern auch Tabellen verarbeiten. Aus Gründen des Datenschutzes, der IT-Sicherheit sowie des Urheber¬rechts ist es auf einem eigenen Server installiert.


Einsatzfelder

Planen und Managen

  • Alle Redakteure tragen in das Wiki Thernenvorschläge ein. Die CvDs übernehmen hier ordnende Aufgaben, in dem sie etwa die Themen nach bestimmten Kategorien wie Themenfeldern und Dringlichkeit sortieren. Alle können die Vorschläge ergänzen, zum Beispiel um weitere interessante Aspekte oder passende Autoren. Im Wiki sind für etwaige Rücksprachen Neueinträge und Änderungen automatisch auf bestimmte Personen rückführbar. Außerdem können sich die Interessierten und Verantwortlichen über RSS über Änderungen bzw. Updates informieren lassen.
  • Dokumentation von Alltagsroutinen - im Internet werden solche Informationen oftmals als in Form von "Frequently Asked Questions" behandelt. Auf diese Weise kann vor allem neuen Kollegen, Volontären und Praktikanten die Einarbeit erleichtert werden.
  • Das Wiki enthält alle notwendigen Informationen über Arbeitsabläufe und Ausspielwege. Es enthält außerdem Notfallpläne.
    • Es stellt Sitzungsprotokolle bereit, die innerhalb einer gewissen Frist korrigiert und ergänzt werden können.
    • Es enthält Angaben über Standards wie Schreibweisen oder darüber, wie eine Nachricht oder ein Feature abzufassen sind. Außerdem stellt es Informationen zu zentralen Rechtsfragen bereit.
    • Das Wiki enthält eine Liste mit Informationen zu Interviewpartnern. So kann man hier erfahren, über wen und auf welche Weise Personen in der Vergangenheit am besten erreichbar waren, oder nützliche Hinweise über den Umgang mit einer Person.
  • Navigationszentrale
    • Hinterlegen von Links zu verschiedenen benutzten Online-Tools und Websites
  • Projektmanagement
  • Im Wiki werden Ziel- und Aufgabenbeschreibungen gemeinsam erarbeitet.
  • (Zwischen- )Ergebnisse, Erfahrungen und Fragestellungen werden laufend doku¬mentiert.
  • Besprechungen werden inhaltlich vorbereitet und protokolliert.

Ressourcen erschließen: Recherche, Sharing und Monitoring

Wie kann man Recherche im Team transparenter machen? Wie kann man erfahren, was der andere weiß? Erst wenn sich Rechercheure untereinander vernetzen, kann eine Redaktion ihre Gruppenstärke wirklich nutzen. Bei Internetrecherchen lässt sich kolla¬boratives Arbeiten mühelos mit Hilfe von Social-Bookmarking-Tools realisieren, die den Zugriff auf definierte Mitglieder begrenzen können. Dienste wie "Mister Wong", "Simpy" und "Yahoo My Web 2.0" ermöglichen eine Differenzierung zwischen "Privat", "Gruppe" und "Öffentlichkeit". Nützlich sind außerdem Netzwerkfunktionen, die es erlauben, von Anderen zusammengestellte Links einzusehen und selbst zu nutzen.

Der webbasierte RSS-Reader ist für jeden Redakteur eine zentrale Informations¬quelle. Abonniert sind die relevanten Medien und Blogs. RSS-Reader lassen sich je¬doch nicht nur als Informationsfilter nutzen, sie ermöglichen auch den Austausch von interessanten Feeds etwa über "Shared"-Funktionen. Außerdem lassen sich die von Einzelnen zusammengestellten Feed-Abonnements in so genannte OPML-Files ex¬portieren, die andere wiederum in ihre RSS- Reader importieren können. Ein Kollege kann über eine Shared-Funktion einen Artikel empfehlen, der gut zum aktuellen Thema XY passt. Mit einem Klick speichert die für die Geschichte verantwortliche Redak¬teurin relevante Fundstellen aus dem RSS- Reader sowie aus verschiedenen Monito¬ringprozessen in ihrem Sozialen-Lesezeichen-Dienst im Teamordner mit den pas¬senden Schlagwörtern ab. Dort haben die Teamkollegen sowie freie Mitarbeiter noch ein paar weitere, interessante Quellen abgelegt. -Dienste für ihre Internetrecherchen nutzen, ent¬steht zu bestimmten Themenbereichen ein redaktioneller Wissensschatz, der das redaktionelle Angebot direkt bereichert: US-Medienblogger Scott Karp hat deshalb spe¬ziell für Redaktionen einen Social-Bookmarking-Dienst entwickelt. Verwendet wird der Dienst zum einen intern von mehreren Redakteuren und Autoren, die gemeinsam an einem Thema bzw. Dossier arbeiten. Ein Mausklick genügt, um etwa zu einem lokalen Ereignis gezielt relevante Quellen aus dem Netz abzuspeichern. Im Sinne eines Pressespiegels können die Redakteure aber auch nach außen, für ihre Nutzer, Links zu einschlägigen Artikeln ablegen, die in anderen Tageszeitungen zu dem Thema innerhalb eines bestimmten Zeitraums erschienen sind. Hierfür werden über bestimmte, untereinander vereinbarte Schlagwörter zu aktuellen Themen aus den abgelegten Quellen RSS-Feeds generiert. Diese Feeds werden dann über Widgets in kleinen Kästen präsen¬tiert, die Themenschwerpunkten auf der News-Website zugeordnet werden. Auf diese Weise erfährt der Leser, welche Medien und Blogs noch über das Thema berichten (Karp 2008).

Im RSS- Reader laufen auch Feeds von Monitoring-Prozessen ein. Eine Reporte¬rin recherchiert über einen längeren Zeitraum ein Thema für ein Dossier. Dafür wertet sie mit Hilfe eines Feed-Aggregators wie beispielsweise Yahoo Pipes rund 30 Feeds mit Hilfe von Stichwörtern aus. So zeigt etwa ein aggregierter Feed aus Google News, Ya¬hoo News und zwei Blogsuchmaschinen alle Nachrichten, die das relevante Thema be¬rühren. Weil auch die Feeds eines Foto- sowie eines Videodienstes ausgewertet werden, werden die passenden aktuellen Bilder und Videos zu den Nachrichten gestellt. Ange¬zeigt wird auch, ob ein Bild frei verwendet werden darf oder für eine kommerzielle Verwendung die Rücksprache beim Fotografen erfordert. Über die Verwendung bzw. Einbindung von Fotos und Videos entscheidet die Medienredaktion. Sie kann etwa mit Hilfe der "Creative Commons"-Lizenz Inhalte aus öffentlichen Foto- und Videoplatt¬formen kostenlos verwenden. Dabei muss sie diese mit einem entsprechenden Urhe¬berrech teverweis versehen.

Die Themenplanung nutzt dasselbe Monitoring-Prinzip, um die Resonanz ande¬rer Medien sowie Blogs auf ausgewählte Themen zu überwachen, bzw. um zu überprü¬fen, wie über ein Thema bereits berichtet wurde. Die Ergebnisse fließen über RSS au¬tomatisch in das Intranet ein. Dort können Redakteure und Reporter die sie betreffen¬den Feeds abonnieren. Auf diese Weise können sie zeitnah entscheiden, wie, wo und in welcher Form sie reagieren wollen.


Ressourcen nachhaltig verfügbar machen

Zu einzelnen Themen sind im Wiki Hintergrundinformationen zu finden, die auf Erfah¬rungen der Redaktionsmitglieder basieren. Das Wiki dient damit dem redaktionellen Wissensmanagement. Es kann zur Aufgabe eines Redaktionsmitglieds gehören, die eigenen Veröffentlichungen nach interessanten Informationen durchzusehen und sie im Wiki strukturiert aufzubereiten. Insbesondere Basis- und Hintergrundinformationen zu Personen von öffentlichem Interesse können zu besonderen bzw. plötzlich auftretenden Anlässen wie etwa Nachrufen verwendet werden. Optimal ist es, wenn Autoren das Wiki in ihre alltägliche Arbeit integrieren. Für die Entscheidung, wer was einsehen darf, ist die Frage des Vertrauens von ent¬scheidender Bedeutung. Für Themen, an denen Festangestellte und freie Mitarbeiter gemeinsam arbeiten, werden spezielle Bereiche eingerichtet, auf die freie Mitarbeiter zugreifen können.

Ein wichtiges Feature wäre auch eine Online-Offline-Funktionalität des Wikis. Diese ist jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht verfügbar. Gleichwohl ist der Trend zu beobachten, dass zunehmend mehr webbasierte Dienste auch eine Online-Offline-Synchronisierung ihrer Inhalte anbieten, etwa über "Google Gears". Jeder Redakteur könnte dann das gesamte Wiki bzw. Themenbereiche auf seinem Arbeitsplatzrechner bzw. seinem Notebook speichern, um es für Recherchezwecke auch in Situationen ver¬fügbar zu haben, in denen kein Online-Anschluss gegeben ist. Dies würde sich aller¬dings dann verbieten, wenn sensitive Daten wie etwa Angaben zu Arbeitsroutinen samt Passwörtern im Wiki hinterlegt würden. Inhalte des internen Wiki-Lexikons können Basis für Beiträge sein, die etwa im Rahmen eines öffentlichen Online-Lexikons auf der eigenen Website publiziert werden. Zum Beispiel:

  • Personen- und Unternehmensprofile
  • Informationsgrafiken mit Informationen zum Bearbeitungsstand bzw. zu den be¬nutzten Quellen, sowie Bilder mit Bildunterschriften.
  • Themen-Dossiers mit weiterem Hintergrundmaterial und Recherchehypothesen


Inhalteproduktion

Die Produktion erfolgt in der Regel über branchenübliche Content-Management¬Systeme (CMS). Durchschnittlich lange Texte werden direkt im CMS-System bearbei¬tet. Für längere Texte hingegen, an denen über längere Zeit kollaborativ gearbeitet wird, bietet es sich aufgrund des dort besonders entwickelten Versionierungssystems an, ein Wiki gewissermaßen als CMS-Vorstufe zu benutzen. Texte sollten jedenfalls nicht stationär bzw. auf einem Arbeitsplatzrechner gespeichert werden, um jederzeit von jedem beliebigen Rechner aus den Zugriff zu ermöglichen.

Ein auf die Kernfunktionalitäten beschränktes Content Management System mit über offene Schnittstellen ermöglichten modularen, externen Ergänzungen ist einem System, das eine Vielzahl von Funktionen wie Ressourcenmanagement und Kalender integriert, vorzuziehen. Auf diese Weise bleiben die Systeme nicht nur hinsichtlich ih¬rer Weiterentwicklung flexibler handhabbar, weitere Funktionalitäten können damit auch über jeweils die neu esten und passendsten Dienste schneller erschlossen werden.

In ein solches CMS können Reporter und Korrespondenten etwa über ein Remote-Login ihre Materialien direkt einstellen. Sie können über ihre Mobilgeräte Texte an einen Microblogging-Dienst übermitteln, dessen Feed über das CMS auf der Nachrichten-Website eingebunden werden kann. Ähnliches funktioniert auch für Bilder und Videos, die über Mobilgeräte live übermittelt werden können. Besonders wichtig ist dies bei Ereignissen wie Sportereignisse, Konferenz oder auch Notfalle und Katast¬rophen, die einen mobilen Einsatz und schnell getakteten, hohen Nachrichtendurchsatz verlangen.


Feedbackschleifen

Feedback ist auf mehreren Ebenen notwendig. Zum einen müssen die internen Arbeitsabläufe kontinuierlich reflektiert und verbessert werden. Zum anderen muss das Feedback von Lesern bzw. Nutzern aufgefangen und ausgewertet werden. Für die Verbesserung von internen Abläufen kann man beispielsweise ein Art Verbesserungsvorschlagswesen über das interne Wiki installieren. Wichtig ist, dass die Vorschläge von der Chefredaktion regelmäßig überprüft und hinsichtlich möglicher Maßnahmen bewertet werden. Die Ergebnisse sollen dann wiederum veröffentlicht werden. Eine solche öffentliche Feedbackschleife kann auf die Mitarbeiter motivierend wirken. Das Verbesserungsvorschlagswesen via Wiki kann beispielsweise zunächst die schrittweise und evolutive Einführung von kooperativen Diensten in der Redaktion kritisch begleiten und im späteren Verlauf auch für andere Prozesse verwandt werden. Hierbei funktioniert das Wiki als Schnittstelle zwischen Entwicklung und Anwendern.

Darüber hinaus dient eine regelmäßig durchgeführte Blattkritik der Qualitätskontrolle. Fehler werden benannt, Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Zu besprechende Punkte können vorher auf unterschiedliche Weise eingesammelt werden. Eine Stüt¬ze sind Leserhinweise, die sich auf einzelne Inhalte oder auch auf den Gesamtauftritt der Veröffentlichung beziehen können. Von Lesern vorgenommene Bewertungen von Artikeln sowie Kommentare können konsequent im Sinne der Blattkritik ausgewertet werden. Für die Verbesserung des Produkts kann die regelmäßig durchgeführte Blattkritik ebenfalls in ihren Kernpunkten im internen Wiki festgehalten werden. Dies könnte in Form eines Besprechungsprotokolls geschehen.

Die Einrichtung eines zentralen Feedback-Knotens der Redaktion wird angesichts der Diskurse von Lesern, die sich über mehrere Blogs hinweg entwickeln können, not¬wendig. Eine kontinuierliche Quelle könnte auch ein öffentliches Korrektur-Blog sein, in dem die Redaktion regelmäßig auf Fehler in der Berichterstattung hinweist oder reagiert bzw. diese dort auch korrigiert (DFJV 2007). Wenn der Chefredakteur selbst sich regelmäßig äußert, kann er damit die Redaktionskultur im Sinne von mehr Offenheit und Transparenz beeinflussen (Gniffke 2008). Das Korrektur-Blog kann auf Leserkommentare zu redaktionellen Beiträgen reagieren, aber auch von sich aus Errata aufgreifen. Stellen die Leser fest, dass ihre Kritik als berechtigt aufgenommen wird und dass sich die Redaktion sichtbar für bessere Inhalte einsetzt, kann dies reputationsstärkend wirken. Dabei sollte das Korrektur-Blog auch für die Qualität der eigenen Berichterstattung relevante Diskussionen in der Blogosphäre aufgreifen. Aufgrund seiner technischen Eigenheiten (Trackbacks, Verlinkungen) ist das Korrekturblog mit der Blogosphäre verbunden.

Voraussetzung für ein erfolgreiches Korrekturblog ist das bereits erwähnte konsequente Monitoring der externen Blogosphäre. Möglich ist das etwa über das Abonnement von RSS- Feeds, die man über einen RSS-Reader sortieren und anzeigen lassen kann. Doch damit lässt sich nur eine begrenzte Anzahl von Blogs überwachen. Hilfe bieten so genannte Memetracker, die in der Blogosphäre auftauchende Themen bün¬deln und anzeigen können. Der deutschsprachige Memetracker "Rivva" beispielsweise verfolgt Themenstränge in der deutschsprachigen Blogosphäre sowie in einigen News¬Websites und stellt sie chronologisch dar. Eine Alternative sind professionelle Dienste wie "Pluck Blogburst", die Unternehmen und Verlegern eine Art zentralisiertes News- und Blog-Monitoring über eine große Bandbreite von redaktionell ausgewählten News¬Sites und Blogs anbieten. Eine weitere Alternative wären RSS-Meta-Dienste wie etwa das bereits oben beschriebene "Yahoo Pipes" Beiträge im redaktionellen Angebot sollen von den Lesern kommentiert und verlinkt werden können.

Teilweise ist es auch sinnvoll, das Einbetten der Inhalte auf anderen Seiten zu ermöglichen. Bei einer Integration von Leserkommentaren innerhalb des eigenen Angebots muss jedoch mit einem teilsweise beträchtlichen Betreuungsaufwand gerechnet werden. In der Blogosphäre entfachte Debatten können mit Hilfe von gefil¬terten RSS-Feeds oder eigener redaktioneller Social-Bookmark-Systeme innerhalb des eigenen Angebots abgebildet werden. Nutzer- bzw. Leser-Kommentare sollten jedoch nicht nur unter der Prämisse des 'User Generated Contents' oder des lästigen 'Community Managements' begriffen werden, sondern auch als wichtiger Bestandteil der Feedbackschleife: Sie sind das direkte Feedback auf redaktionelle Inhalte, sie können Debatten entfachen, die über das eigenen Angebot hinausreichen. Sie können Ausgangspunkt für weitere Recherchen oder Beiträge sein. Die Kommentare könnten auch direkt in die entsprechenden Bei¬träge eingebunden werden. So könnten die schreibenden Leser in dem Beitrag genannt und möglicherweise verlinkt werden. Ein solcher leserbezogener "Backlink" wäre im Sinne der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Währung.

Unterstützend für den Diskurs im Netz sind Links aller Art, die ebenfalls eine Feedbackschleife darstellen: Sie zeigen, wer wen rezipiert hat. So können Autoren in¬nerhalb der eigenen Beiträge auf ihre Quellen verlinken, wenn diese online verfügbar sind. Dabei geht es nicht nur darum, kommentierte Linklisten als eine Art Presse- oder Medienschau zu erstellen, sondern der Nachricht oder der Geschichte selbst mehr Ge¬wicht zu verleihen, indem sie über die Links in einen diskursiven Kontext eingebettet wird.

Dies bedeutet einen Wandel im Selbstverständnis eines Newsrooms: Er hat nicht mehr das Monopol über eine ganze Anzahl von Nachrichtenressourcen, sondern ist Teil Eines Netzwerks, in dem es darum geht, sich auf das zu konzentrieren, was an einer Geschichte zu einem bestimmten Zeitpunkt für die eigenen Leser am relevantesten ist, um dann auf weitere Original-Geschichten von anderen Redaktionen, Blogs oder Lesern zu verweisen.


Autorin

Autorin der `Studie KoopTech´ ist Christiane Schulzki-Haddouti

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